Gekommen, um zu gestalten
Ein Unternehmen wollte wachsen und sich neu aufstellen, eine Stadt strebte nach neuem Aufschwung. Daraus entstand eines der größten Industrieprojekte der Region. Zwei, die diesen Aufbruch möglich gemacht haben, blicken zurück – und nach vorn.
Dr. Felix Schwenke, Oberbürgermeister der Stadt Offenbach und Dr. Andreas Widl, CEO SAMSON
Und plötzlich findet sich 3,5 Kilometer Luftlinie entfernt eine brachliegende Fläche, 143.000 Quadratmeter. Keiner hatte das auf dem Schirm. Per Zufall habe ich von der Fläche erfahren und dachte: Das ist die Lösung unserer Probleme!

Erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung?
Dr. Felix Schwenke: Das war am 29. April 2020 und sehr aufregend. Andreas Widl führte mich durchs Werk. Ich merkte: Dieser Mann will was verändern – und er wird es auch tun. Ihn zu überzeugen, in Offenbach ganz von Neuem zu starten, erschien damals unwahrscheinlich. Mir war wichtig zu verstehen, was SAMSON braucht – um genau das bieten zu können.
Dr. Andreas Widl: Ich habe an diesem Tag einen Oberbürgermeister kennengelernt, der unternehmerisch denkt und gestalten, nicht nur verwalten möchte. Felix Schwenke hielt es fast für unmöglich, dieses Riesenprojekt zu gewinnen, und tat dennoch alles, um es mit uns umzusetzen.
Kannten Sie SAMSON vorher, Herr Oberbürgermeister?
Dr. Schwenke: Ich kannte die Gebäude nur vom Vorbeifahren auf der Autobahn 661 und ahnte, dass es ein Industrieunternehmen ist. Dass SAMSON Ventile produziert, wusste ich ehrlich gesagt nicht.
Dr. Widl: SAMSON war eigentlich lange die größte Unbekannte von Frankfurt. Jeder kennt zwar das Gelände, kaum einer weiß, was wir machen. Zumindest war das vor unserem Projekt MainChange so.
Herr Oberbürgermeister, als Sie den Begriff MainChange zum ersten Mal hörten, was ist Ihnen durch den Kopf gegangen?
Dr. Schwenke: Der Begriff sagt auf den ersten Blick: Wir gehen „einfach“ nur auf die andere Main-Seite. Das verniedlicht fast, was dahintersteht: eine immense finanzielle Leistung des Unternehmens und der Inhaberfamilie sowie organisatorische Höchstleistungen des Vorstandes und der Projektleitung.
Dr. Widl: MainChange war genau der richtige Begriff: Da ist der Fluss Main, aber es ist auch ein „main change“ und „mind change“. So steht dieser Name nicht nur für den Umzug nach Offenbach, sondern für den Wandel, es ist ein Generationenprojekt. Die größte Investition in der Firmengeschichte.
Herr Dr. Widl, welche Assoziationen hatten Sie mit Offenbach?
Dr. Widl: Offenbach stand für mich lange im Schatten von Frankfurt. Und dann ließ ich mich auf diese Stadt ein und stellte fest: Offenbach hat alles, was es braucht, um den Wandel zu vollziehen, und das erleben wir jetzt gerade. Der hohe Anteil von Menschen mit internationaler Geschichte ist für uns eine Chance, keine Herausforderung. Die Leute wollen arbeiten, sich einbringen, Verantwortung übernehmen. Dazu kommt die zentrale Lage mitten im Rhein-Main-Gebiet, eine lebendige Kunstszene, die Nähe zu Forschungseinrichtungen und ein politisches Umfeld, das Unternehmensansiedlungen fördert. Und das zeigt sich längst in der Realität: Immer mehr Unternehmen entdecken Offenbach für sich. SAMSON ist nur ein Beispiel – viele andere investieren ebenfalls hier, weil sie das Potenzial der Stadt erkannt haben.
Dr. Schwenke: Offenbach war einst eine Stadt mit starker industrieller Identität – allen voran durch die Lederwarenindustrie, die hier Weltgeschichte geschrieben hat, aber auch durch Druckmaschinen, Haushaltsgeräte, Stahl und Chemie. Schon 1842 entstand an der Mühlheimer Straße eine der ersten chemischen Fabriken Deutschlands. Als der letzte Nutzer, Clariant, das Gelände 2020 endgültig an die Stadt übergeben hat, ging ein Stück Industriegeschichte zu Ende. Heute steht diese Fläche wie keine andere in der Stadt für alte Hochzeiten, den Niedergang – und nun die Chance auf einen neuen Anfang. Dass SAMSON sich jetzt genau hier ansiedelt, ist ein starkes Signal: Industrie kehrt zurück nach Offenbach – an denselben Ort, aber in einer modernen, zukunftsgerichteten Form. Das zeigt, dass Offenbach wieder Zukunftsindustrie kann.
Wie sind Sie in Offenbach empfangen worden, Herr Dr. Widl?
Dr. Widl: Offenbach ist Willkommenskultur pur. Und ein Glücksfall für SAMSON: Wo kann man in Deutschland schon nur wenige Kilometer vom alten Standort entfernt eine neue Fabrik bauen – mitten in der Stadt – und dabei keinen einzigen Mitarbeitenden verlieren? Ein Neubau bietet uns etwas, das wir am alten Standort nie hatten: eine zusammenhängende Fläche. So können wir unsere Wertströme optimal gestalten – und schaffen gleichzeitig moderne, gut durchdachte Arbeitsumgebungen für die Menschen, die hier arbeiten. Und das Ganze noch komplett energieoptimiert. Wir bauen die Fabrik nicht nur für Maschinen, sondern für Menschen. Etwas, woran man sich noch in Generationen erinnern wird. Darum sind wir dieses Projekt mutig und zugleich demütig angegangen. Wir stellen hier und jetzt die Weichen für die Zukunft.
Die Offenbacher Behörden waren sehr schnell und haben innerhalb kürzester Zeit Baugenehmigungen erteilt. Was machen Sie anders, Herr Dr. Schwenke?
Dr. Schwenke: Hier kamen zwei Dinge zusammen: Bei SAMSON stand das ganze Unternehmen hinter dem Projekt. Und auch bei uns in der Verwaltung war die Haltung da, etwas verändern zu wollen. Viele wollten ihren Beitrag leisten, dass der jahrzehntelange Niedergang endet und Offenbach wieder eine andere Geschichte schreibt. Wir haben uns alle zwei Wochen und zusätzlich bei Bedarf zusammengesetzt, ein internes Monitoring aufgesetzt, und alle wussten: Wenn es schwierig wird, kann man direkt zu mir kommen. So konnten wir schnell Lösungen finden und Entscheidungen treffen.
Was sind Ihre Highlights in diesem Projekt?
Dr. Widl: Es ist unglaublich, bereits heute im ersten Gebäude des neuen Produktionsstandorts zu sitzen. Vor vier Jahren haben wir ein brachliegendes Grundstück gekauft – ohne Bebauungsplan. Heute entstehen hier die ersten Elektronikkomponenten aus Offenbach. Besonders wichtig ist mir, die Belegschaft kommunikativ mitzunehmen und für MainChange zu begeistern. Unsere Mitarbeitenden sehen, dass wir langfristig denken und in Deutschland mit eigenem Kapital und klarer Überzeugung investieren. So entsteht hier etwas, das für kommende Generationen Bestand hat. Und ich bin sehr froh, dass das in Offenbach geschieht. Natürlich gab es auch Überraschungen: Ein Flussregenpfeiferpaar – dieser Vogel war mir bisher unbekannt – hat auf der Baustelle gebrütet, und gemeinsam mit der Stadt haben wir Ausgleichsflächen geschaffen. Bauen ist komplex und ein Abenteuer für sich, aber vieles ist möglich, wenn alle an einem Strang ziehen.
Dr. Schwenke: Ganz besondere Momente waren es, als sich SAMSON entschieden hat, in Offenbach die Fabrik ganz neu zu bauen. Dann feierten wir den Spatenstich, und so sind die Dinge Wirklichkeit geworden. Wenn man jetzt durch die Stadt fährt, sieht man das Unternehmen wachsen. Das riesige Hochregallager ist noch nicht fertig, aber man ahnt schon, wie es später wie eine Art Pokal als richtiges Statement von SAMSON am Main thronen wird. Und dass es gemeinsam gelungen ist, die Baugenehmigung für dieses riesige Werk innerhalb von nur zehn Wochen zu erteilen.
Was bedeutet Ihnen persönlich der Umzug von SAMSON?
Dr. Schwenke: Es war für uns 2020 ein großes Wagnis, die riesige Brache von Clariant zu kaufen. Damals wussten wir nicht, ob wir Nutzer finden würden. Es hatte sich immerhin neun Jahre lang niemand gefunden. Persönlich ist SAMSON in meiner Arbeitszeit als Oberbürgermeister der erste Erfolg mit massiver und langfristiger Bedeutung bei Arbeitsplätzen, Fläche, Symbolik und wirtschaftlicher Wirkung. Das wird immer besonders für mich und ganz besonders für die Bürgerinnen und Bürger sein.
Dr. Widl: Wir erhalten 2.000 Arbeitsplätze im Rhein-Main-Gebiet. Das ist ein Erfolg für die Region und Deutschland. Wir als Mittelständler sagen, was wir tun, und tun, was wir sagen. Ich habe größten Respekt vor dem – einzigartigen – deutschen Mittelstand, weil hier Menschen Verantwortung übernehmen und das eigene Geld investieren. Wir führen täglich, aber denken und handeln nicht in Quartalen, sondern Jahren, wenn nicht in Generationen. Genau das gilt für MainChange.
Dr. Schwenke: Wie besonders das ist, sieht man daran, dass zum ersten Mal nach 50 Jahren wieder ein amtierender Bundeskanzler Offenbach besucht hat. Das ist eine tolle Wertschätzung.
Was wird MainChange aus SAMSON machen, Herr Dr. Widl?
Dr. Widl: Es wird ein Unternehmen aus uns machen, dass seine Wurzeln behält und weiter Ventile baut. Aber auch eines, das Wertschöpfung mit modernsten Produktionsmethoden ermöglicht, massiv digitalisiert, den Wertstrom optimiert, zukunfts- und wettbewerbsfähig ist und zeigt, dass man in Deutschland auf internationalem Niveau produzieren kann. MainChange sichert die Zukunft von SAMSON.
Und was wünschen Sie sich für die Zukunft als Oberbürgermeister?
Dr. Schwenke: Ich wünsche mir bzw. meiner Stadt, dass 100 Jahre SAMSON in Offenbach auf über 100 Jahre SAMSON in Frankfurt folgen werden.
Neun Fragen an ...
Dr. Andreas Widl

Andreas Widl ist promovierter Physiker und hält 30 Patente. Seine Erfahrungen in Transformation und Aufbau neuer Geschäftsfelder brachte er 2013 in die SAMSON AG ein, seit 2015 ist er CEO. Er engagiert sich für Start-ups in Deutschland und Israel sowie einen wettbewerbsfähigen deutschen Mittelstand.
Was treibt Sie an?
Veränderung. Dinge gestalten. Nicht verwalten.
In was sind Sie unschlagbar?
Nicht unschlagbar, aber vielleicht anders veranlagt: Ich kann mich für Dinge begeistern und andere damit anstecken.
Was würden Sie gerne können?
Gitarre spielen.
Was bringt Sie auf 180?
Bedenkenträgertum.
Vervollständigen Sie: Für einen Tag wäre ich gerne mal…
… CEO von SAMSON. Ich bin genau am richtigen Ort.
Worauf sind Sie stolz?
Nicht stolz, aber dankbar: für die Gesundheit meiner Familie.
Was ist Ihre neueste Entdeckung?
Dass die Kernfusion nicht mehr so weit entfernt ist, wie wir immer dachten. Und dass die KI bald auch analog wird.
Kopf oder Bauch?
Mal so, mal so.
Ihr Lieblingstier?
Der Elefant.
Dr. Felix Schwenke

Felix Schwenke ist seit 2018 Oberbürgermeister in Offenbach und wurde 2023 wiedergewählt. Der promovierte Politikwissenschaftler hatte davor Stationen als Berater bei Ernst & Young, Gymnasiallehrer sowie Stadtkämmerer und Stadtrat.
In was sind sie unschlagbar?
Niemand ist unschlagbar.
Was war Ihre beste Entscheidung?
Meine Frau zu heiraten und drei Kinder zu bekommen.
Was bringt Sie auf 180?
Unehrlichkeit.
Vervollständigen Sie: Für einen Tag wäre ich gerne mal…
Dr. Schwenke: … CEO von SAMSON.
Worauf sind Sie stolz?
Dr. Schwenke: Dass ich manchmal mutig war und die Menschen in Offenbach was davon hatten. Auf meine Mitarbeitenden.
Was treibt Sie an?
Wir haben jahrzehntelang zu den zehn am höchsten verschuldeten Städten gehört. Ich will, dass Offenbach eines Tages wieder halbwegs normal dasteht.
Was ist Ihre neueste Entdeckung?
Die machen bei mir derzeit immer meine Kinder.
Kopf oder Bauch?
Der Bauch ringt lange, aber am Ende gewinnt der Kopf.
Ihr Lieblingstier?
Der Elefant.
